Die Stängellose Kratzdistel lockt verschiedenste Bestäuber an.
Die Stängellose Kratzdistel lockt verschiedenste Bestäuber an.
Autsch – mit Disteln hast du vielleicht schon unangenehme Bekanntschaft gemacht. Meist werden sie in unseren Gärten als unliebsames Unkraut angesehen und schnell entfernt. Aber sind Disteln wirklich nur Unkraut? Von wegen! Es lohnt sich, die eine oder andere Distel weiterwachsen und blühen zu lassen. So kannst du im Laufe ihrer Entwicklung viele spannende Dinge entdecken. Was das sein kann, wollen wir dir am Beispiel der Stängellosen Kratzdistel erzählen.
Die Stängellose Kratzdistel gehört wie alle Disteln zur Familie der Korbblütler. Damit ist sie ist nicht allein, denn mit über 34.000 Arten bilden die Korbblütler die wohl größte Pflanzenfamilie überhaupt. Bei so vielen Verwandten kennst du sicher die ein oder andere Art aus der Familie, zum Beispiel den Löwenzahn oder auch die Ringelblume.
Hast du dir schon mal die Blüte einer Distel genauer angeschaut? Falls nicht, wird es höchste Zeit. Das was wie eine große Blüte aussieht, ist in Wirklichkeit der Blütenstand, der aus vielen kleinen Einzelblüten zusammengesetzt ist und Köpfchen oder Körbchen genannt wird. Er ist namensgebend für die Pflanzenfamilie ist. Das Köpfchen ist häufig von grünen Hüllblättern umgeben, die auf den ersten Blick wie Kelchblätter wirken. Der eigentliche Kelch aber ist ebenso wie die Krone, die Staub- und Fruchtblätter Bestandteil der Einzelblüten. Allerdings ist dieser einfache Grundbauplan nicht so leicht und oft nur mit der Lupe zu erkennen. Die Kelchblätter sind häufig gar nicht zu sehen oder zu einem Haarkranz umgebildet, der bei der reifen Frucht dann einen Flugapparat bildet – den Pappus. Das Schirmchen beim Löwenzahn ist ein Beispiel dafür. Die fünf Kronblätter sind zu einer Röhre verwachsen, was das Zählen der einzelnen Blätter erschwert. Wie du sicher weißt, sind in vielen Blüten beide Geschlechter vertreten, sie sind zwittrig. Bei den Korbblütlern gibt es zwei Fruchtblätter als weibliche und fünf zu einer Röhre verwachsene Staubblätter als männliche Blütenteile.
Wenn so viele Blüten dicht gedrängt zusammenstehen, kann es allerdings dazu kommen, dass die Pollen auch innerhalb dieses Blütenstandes übertragen werden. So findet eine Selbstbestäubung statt. Für viele Pflanzenarten ist aber eine Kreuzbestäubung wichtig. Dabei wird der Pollen einer Pflanze auf den Blütenstand einer anderen Pflanze übertragen und es kommt zum genetischen Austausch und damit zum Erhalt genetischer Vielfalt innerhalb eines Bestandes.
Doch genetische Vielfalt ist wichtig, daher haben die Pflanzen verschiedene Strategien entwickelt um eine Selbstbestäubung zu verhindern. Bei der Stängellosen Kratzdistel gibt es Individuen, die nur Blütenköpfe mit weiblichen Einzelblüten tragen und solche die nur Blütenköpfe mit zwittrigen Einzelblüten tragen. Durch diese räumliche Geschlechtertrennung werden die Blüten in den rein weiblichen Blütenköpfen auf jeden Fall fremdbestäubt. Es gibt aber auch eine zeitliche Geschlechtertrennung, die Selbstbestäubung verhindert: die zwittrigen Blüten entwickeln zuerst ihre männlichen und dann ihre weiblichen Blütenorgane.
Auch nach der Phase der Blüte kannst du weiterhin Spannendes bei der Stängellosen Kratzdistel beobachten, nämlich die sich nun bildenden Früchte. Bei genauem Hinsehen entdeckst du den Pappus, also den kleinen Haarkranz, der hier aber anders als beim Löwenzahn direkt an der Frucht sitzt. Bei Trockenheit spreizen sich die Haare auseinander und drücken die Früchte aus dem Blütenkopf. So können sie leicht vom Wind erfasst und weggetragen werden. Da die Früchte nur sehr langsam sinken, können sie in hohe Luftschichten gewirbelt werden und manchmal richtig weit fliegen.
Es lohnt sich also die nächste Distel nicht gleich auszustechen, sondern mal blühen zu lassen, denn hier ist auch viel Nahrung für Insekten zu finden. Auch wenn die Stängellose Kratzdistel in Deutschland nicht gefährdet ist, so haben wir doch eine besondere Verantwortung dafür, sie zu erhalten. Wenn sie bei uns aussterben würde, hätte das Nachteile für den weltweiten Bestand der Art. Noch ein Grund mehr, diese Distel nicht wie Unkraut zu behandeln.