Wiesen-Silau
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Der Wiesen-Silau bietet Nahrung für verschiedenste Insektenarten.

Wiesen-Silau

(Silaum silaus)
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Der Wiesen-Silau bietet Nahrung für verschiedenste Insektenarten.

Bei fast jedem Spaziergang außerhalb der Stadt kommst du an Grünland vorbei, meist sind das Wiesen oder Weiden. Auf den ersten Blick ist alles grün, weil Gräser dominieren. Doch hast du auch schon mal genauer hingeschaut, was auf Wiesen und Weiden so alles zu sehen ist? Da wächst viel mehr als ein paar Grasarten. Ob gemäht oder beweidet, ob auf Sand oder Lehm, ob trocken oder feucht – so verschieden, wie die Grünlandlebensräume sind, so verschieden sind auch die Pflanzen, die hier wachsen. Um den Wiesen-Silau zu finden, musst du oftmals sogar die Gummistiefel auspacken.

Aber erstmal ein paar Fakten: Etwa die Hälfte der Fläche Deutschlands wird landwirtschaftlich genutzt, davon ist mehr als ein Viertel Grünland. Mehr als die Hälfte aller in Deutschland vorkommenden Pflanzenarten sind auf Grünland als Lebensraum angewiesen. Ganze 44 Prozent dieser Arten sind gefährdet oder sogar verschollen! Das liegt zum Beispiel daran, dass immer mehr Grünland in Acker- oder Siedlungsflächen umgewandelt wird und Wiesen und Weiden heute stärker gedüngt, häufiger gemäht und intensiver beweidet werden als noch vor ein paar Jahrzehnten.

Wiesen-Silau
Verbreitungskarte
Wiesen-Silau
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hohe Verantwortlichkeit

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wird von Insekten bestäubt

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kommt auf Feuchtwiesen vor

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blüht von Juni bis September

Artenportrait (PDF)

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Steckbrief Kulturansprüche (PDF)

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Was hat das mit dem Wiesen-Silau zu tun? Der Wiesen-Silau wächst auf nährstoffarmen Feuchtwiesen. Er hat hier einen Vorteil vor nährstoffbedürftigen Konkurrenten, die ihn auf gedüngten Wiesen schnell überwuchern. Nährstoffarme Feuchtwiesen sind zum Beispiel Pfeifengras-, Sumpfdotter- oder feuchte Glatthaferwiesen. Diese Lebensräume sind nach ihren typischen Arten benannt. Pfeifengraswiesen sind besonders erwähnenswert. Sie sind sehr artenreich und gehören zu den sogenannten FFH-Lebensraumtypen (Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie). Die Pfeifengraswiesen fallen damit unter das europäische Schutzgebietsgesetz Natura 2000, das der Sicherung der Lebensräume wildlebender Pflanzen- und Tierarten dienen soll. Pfeifengraswiesen entstanden durch traditionelle Nutzung feuchter und nasser Flächen: sie wurden nur einmal und erst spät im Jahr gemäht. Das Mahdgut diente als Einstreu für Viehställe oder zur Heugewinnung. Weil der Ertrag niedrig und das Heu minderwertig ist, wurde diese Form der Nutzung fast überall aufgegeben. Lohnender ist es, die Fläche zu düngen und häufiger zu mähen. So wurden und werden nährstoffarme, aber artenreiche Pfeifengraswiesen zu nährstoffreichen, aber artenarmen Fettwiesen. Als Folge verschwinden viele Pflanzenarten, wie auch der Wiesen-Silau, der bereits die Vorwarnstufe der Roten Liste erreicht hat.

Nicht nur für viele Pflanzen- sondern auch für diverse Tierarten ist Grünland ein wichtiger Lebensraum. Viele Insekten finden Nahrung und Unterschlupf auf extensiv genutztem Grünland, das wenig gemäht und gedüngt wird. Denn hier gibt es meist auch mehr krautige Blütenpflanzen, die Pollen und Nektar bieten. Gerade Arten der Familie der Doldenblütler, zu denen der Wiesen-Silau zählt, locken die unterschiedlichsten Insekten an. So bieten Wilde Möhre, Kümmelsilge, Wasserfenchel, Wiesen-Bärenklau oder Wiesenkerbel auf ihren blütenreichen Dolden ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Käfer gelangen durch ihre großen Mundwerkzeuge nicht an den Nektar und bedienen sich daher bevorzugt an dem gut zugänglichen Pollen der Blüten. Der Nektar wiederum schmeckt Streifenwanzen besonders gut. Auch Schwebfliegen gelangen mit ihren kurzen Mundwerkzeugen gut an den Nektar. Außerdem finden Wespen, Fliegen und mittelrüsselige Bienen hier Nahrung. Die Früchte der Doldenblütler sind sehr reich an Proteinen und Fetten (ätherische Öle), so dass viele Larven diese als Nahrungsquelle nutzen.

Feuchtwiesen sind nicht nur auf Grund ihres hohen Artenreichtums und dem Vorkommen von Verantwortungsarten wie dem Wiesen-Silau wertvoll. Sie übernehmen weitere wichtige Aufgaben: Nach Starkregen sind sie häufig in der Lage, große Wassermengen zu speichern. Dies hat nicht nur die Neubildung von Grundwasser zur Folge, sondern schützt auch vor Hochwasser.

Auch für den Klimaschutz spielt Grünland eine große Rolle: In nur einem Zehntel der landwirtschaftlichen Nutzfläche, und hier vor allem im Grünland, werden mehr als ein Drittel der gesamten Kohlenstoffvorräte landwirtschaftlicher Böden in Deutschland gespeichert. Grünland ist also eine sogenannte CO₂ – Senke. Bis zu einem bestimmten Sättigungsgrad kann es mehr Kohlendioxid aufnehmen, als es abgibt. Grob gesagt gilt: je nasser ein Boden ist, desto mehr CO₂ kann er speichern.

Die Bedeutung des Grünlandes und damit auch der Feuchtwiesen nicht nur als Lebensraum des Wiesen-Silau nimmt also in Zeiten des Klimawandels immer mehr zu. Umso wichtiger ist es, diese artenreichen Lebensräume durch Gesetze wie die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie zu schützen und die hier lebenden Arten durch Projekte wie WIPs-De zu erhalten.

Quellenangaben

Bild 1 Der Wiesen-Silau dient auch Larven des Schwalbenschwanzes (Papilio machaon) als Nahrung (Universität Regensburg, Lehrstuhl für Ökologie und Naturschutzbiologie, A. Hacker).
Bild 2 Die hier noch unreifen Früchte der Doldenblüter sind zweiteilige Spaltfrüchte (Botanischer Garten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, F. Hahn).
Bild 3 Wenn die Früchte reif sind färben sie scih bräunlich. Durch den Wind oder die Anhaftung an Tierfell werden sie ausgebreitet (Botanischer Garten und Botanisches Museum Berlin, E. Zippel)
Bild 4 In Botanischen Gärten kannst du den Wiesen-Silau anschauen, wie hier in Mainz (Botanischer Garten der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, F. Hahn).
Bundesamt für Naturschutz (BfN) (2014) BfN-Grünlandreport: Alles im Grünen Bereich? Referat Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Bonn. BfN: Lebensraumtypen. URL: https://www.bfn.de/lebensraumtypen (Zugriff im März 2023).
BfN: Lebensraumtypen. URL: https://www.bfn.de/lebensraumtypen (Zugriff im März 2023).
BfN: Naturschutz in der Landwirtschaft. URL: https://www.bfn.de/naturschutz-der-landwirtschaft (Zugriff im März 2023).
Deutschlands Natur – Der Naturführer Deutschlands: Pfeifengraswiesen. URL: https://www.deutschlands-natur.de/lebensraeume/grasland/pfeifengraswiesen-auf-kalkreichem-boden-torfigen-und-tonig-schluffigen-boeden-molinion-caeruleae/ (Zugriff im März 2023).
Hutter C-P, Briemle G., und Fink C.: (1993):“ "Wiesen, Weiden und anderes Grünland.“ Weidbrecht, Stuttgart, Wien. Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg: FFH-Lebensraumtyp 6410 – Pfeifengraswiesen. URL: https://www.
NABU.de: Saftsüffler im Streifenkleid – Die Streifenwanze (Graphosoma italicum). URL: https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/insekten-und-spinnen/wanzen/24375.html (Zugriff im März 2023).